Urtikaria schränkt die Lebensqualität enorm ein: Durch die Quaddeln wird die Erkrankung sichtbar und womöglich stigmatisierend, der Juckreiz beeinträchtigt Schlaf und Konzentrationsfähigkeit. Nicht selten treten auch Schwellungen in tieferen Hautschichten, sogenannte Angioödeme, beispielsweise an Lippen, Lidern, Hals oder Extremitäten auf, die sich durch einen subtilen Schmerz bemerkbar machen. Kurz: Von der Nesselsucht Betroffene fühlen sich einfach nicht mehr wohl in ihrer Haut. „Sie empfinden Urtikaria auch als deutliche Einschränkung, weil sie nie wissen, woran sie eigentlich sind und wann der nächste Schub eintritt“, erklärt Prof. Andreas Bircher, stellvertretender Chefarzt und Leiter der Allergologischen Poliklinik des Universitätsspitals Basel. Er geht davon aus, dass etwa zehn Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens mindestens einmal eine Urtikaria erleiden.

Vielfältige Ursachen

Bei der Nesselsucht handelt es sich um eine Reaktion der Hautnerven und -gefässe auf die Freisetzung von Histamin aus den Mastzellen. Die Ursachen hierfür können vielfältig sein, doch entgegen der verbreiteten Meinung handelt es sich bei der Urtikaria nicht immer um eine allergische Reaktion. „Viele Patienten haben den verständlichen Wunsch, dass es sich bei der Ursache ihrer Erkrankung um etwas von aussen handelt, das sie vermeiden können“, weiss Prof. Bircher, „doch externe Allergene spielen als Ursachen eher eine untergeordnete Rolle. Auch bestimmte Nahrungsmittel oder Zusatzstoffewerden diesbezüglich deutlich überschätzt.“

Wesentlich häufiger wird Nesselsucht von Infektionen hervorgerufen, aber auch spontane Reaktionen auf ein Insektengift können diese Hautkrankheit verursachen. Zudem sind einige physikalische Reize wie hohe oder niedrige Temperaturen, starke Sonneneinstrahlung oder Druck ebenfalls als potentielle Auslöser bekannt.

Zeigen sich die Symptome nur für wenige Stunden oder Tage, liegt eine akute Urtikaria vor. Treten die Quaddeln jedoch währendmehr als sechs Wochen oder über diesen Zeitraum in immer wiederkehrenden Schüben auf, handelt es sich um eine chronische Urtikaria. „Doch nicht selten dauert eine Urtikaria keine zwanzig Minuten“, beruhigt Prof. Bircher. „Problematisch ist vielmehr, dass bei einer heftigen Reaktion, beispielsweise verursacht durch eine Wespengiftallergie, die Lunge und der Kreislauf beeinträchtigt werden können.“ In diesen selteneren Fällen gilt es, sofort den Notarzt zu rufen oder die Notfallstation aufzusuchen. Adrenalin, Antihistaminika und Kortison sind hier die Mittel der Wahl. Doch bei der chronischen Form warnt Prof. Bircher vor den Nebenwirkungen dieses Wirkstoffs: „Kortison ist eine wirksame Notbremse, nicht aber eine vertretbare Dauerlösung.“

Therapeutische Doppelstrategie

Generell sind Hausarzt und Dermatologe die ersten Anlaufstellen für Betroffene. Hier ist zunächst Geduld gefragt, denn nur durch eine umfangreiche Anamnese können andere Hauterkrankungen ausgeschlossen und der Ursache nachgegangen werden. Mit Fotografien und Tagebuchaufzeichnungen kann der Patient die Abklärung unterstützen. Allergie- und Provokationstests helfen, mögliche Auslöser auszuschliessen oder zu identifizieren. Doch nicht immer bringen die Untersuchungen auch das gewünschte Ergebnis. „In 30 bis 50 Prozent der chronischenFälle lässt sich keine eindeutige Ursache feststellen“, weiss Prof. Bircher.

Ungeachtet dessen lässt sich Urtikaria heute sehr gut behandeln. „Wir setzen in erster Linie auf eine Vermeidungsstrategie, sofern die Trigger bekannt sind“, erklärt Prof. Bircher. Daneben wird mittels Medikamenten die Wirkung von Histamin blockiert. „Antihistaminika sind hierbei das bewährte Mittel. Patienten sollten sich allerdings nicht von dem Beipackzettel irritieren lassen“, rät Prof. Bircher, „denn es kann heute durchaus üblich sein, bis zum Vierfachen der zugelassenen Tagesdosiszu verordnen.“ Falls die Behandlung mit Antihistaminika keine ausreichende Wirkung erzielt, sind Biologika seit kurzem eine Behandlungsoption, mit welcher der Mediziner gute Erfahrungen gemacht hat. Diese Wirkstoffe werden Betroffenen aller vier Wochen injiziert und stabilisieren die Mastzellen. Dadurch können Biologika zu einer deutlichen Verbesserung der Symptomatik beitragen.

Vermeiden lässt sich eine Erkrankung an Nesselsucht allerdings nicht. „Bei Urtikaria handelt es sich um ein sehr häufiges Phänomen inder Allgemeinbevölkerung“, hält Prof. Bircher fest. „Eine sinnvolle Vorbeugung ist leider unmöglich.“

Dr. Bernhard Spring
freier Journalist
28.05.2015